Veröffentlichung der Vortragsnotizen (Anna Newspeak)

An dieser Stelle veröffentlichen wir zwecks weiterer Dokumentation und Partizipation die überarbeiteten Vortragsnotizen von Anna Newspeak, welche aufgrund ihrer Form auch über weitere Stellen wie eine Art Teilprotokollierung des Workshops und seiner Diskussionen verstanden werden können.

Vortrag Anna Newspeak: CTS_Vortrag_HP (PDF, 143 KB)

Abschlussplädoyer: Anna Newspeak

Der Versuch, die Critical Time Studies zu „begründen“ mitsamt einem umfassenden Verständnis von Tempismus, Timeismus, Tempozentrismus, Allochronismus usw. als einem historisch gewordenen zeitlichen Herrschaftsverhältnis, welches alle Neutralismen, Naturalismen und Physikalismen der Zeit hinwegfegt und diese alles entscheidend radikal in Frage stellt, kommt in etwa dem Versuch gleich, als Judith Butler Anfang der 1990er n.h.c.Z. alle bis dahin noch übrig gebliebenen Natürlichkeitsverständnisse der Geschlechtskategorien zum Einstürzen brachte – es war unmöglich und stieß eigentlich nur auf gigantische Ablehnung in den vorherrschenden Diskursen, die keinerlei Annäherung und Auseinandersetzung mit Butler entwickeln konnten. Der von Butler ausgelöste Bruch war einfach viel zu groß, obwohl sich nur dadurch in den darauf folgenden Jahrzehnten die Queer Studies überhaupt formieren und konstituieren konnten. Mit allen Konsequenzen. Andererseits gestaltet sich der Bruch, ja der Zeitenbruch im und mit dem Zeitverhältnis selbst als um so unsagbar vieles größer als der butlerische Bruch. Während Butler wenigstens schon auf ein historisches Erbe der Benennung und Analyse von geschlechtlicher Herrschaft zurückgreifen konnte (Patriarchat, Sexismus, Phallozentrismus, Androzentrismus, Homophobie, Misogynie usw.), können die Critical Time Studies fast noch nicht einmal das. Zeitherrschaft erscheint stattdessen viel mehr überhaupt gnadenlos unintelligibel. Somit stellt sich die Frage, wie lange es denn perspektivisch dauern wird, bis sich jemals ein weiteres Feld der Critical Time Studies formieren und konstituieren kann bzw. inwieweit dies denn vorzukünftig möglich sein wird. Den Zeitraum dafür auf mehrere Jahrzehnte anzusetzen erscheint geradezu übermäßig optimistisch angesichts von Reaktionen wie „Oh nein, nicht noch ein -ismus!“ oder „…aber was ist denn mit der natürlichen Zeit?“. Die prägnanteste Reaktion kam aber in folgender Gedankenform zum Ausdruck: „Race, Class, Time? Ne, das macht keinen Sinn.“ Obwohl es kein Jenseits rassifizierter, vergeschlechtlichter, klassifizierter usw. Gesellschaftsverhältnisse gibt und sich berechtigterweise heutzutage keine ernstzunehmenden Auffassungen finden lassen, die dies irgendwie bestreiten könnten, genauso wird doch die Kategorie Zeit, bei der es ebenfalls kein Jenseits gibt (und wer will das bestreiten?), doch in einer enorm gegensätzlichen Bewegung nicht als gesellschaftliches Verhältnis anerkannt, bei dem in ähnlicher Weise alle Fragen von Herrschaft, Ungleichheit, Exklusion, Imperialismus, Massenmord usw. gelten, wie dies für andere Kategorien schon längst der Fall ist. Dennoch hat der Critical Time Studies-Workshop genau darin seine eigentliche, zweifache Aufgabe erfüllt: Erstens, ein prothesisches, fiktives, post-fundamentalistisches und performatives Gründungsmoment zu generieren, welches die Herrschaftsfrage irreversibel in die Zeitwissenschaft(en) eingeführt hat, auf dass es von hier an nicht mehr ohne eine gewisse Lächerlichkeit möglich gewesen sein wird, einen zeitwissenschaftlichen Diskurs zu führen, der sich den Fragen von Tempismus, Timeismus, Tempozentrismus, Allochronismus usw., also von Zeitherrschaft überhaupt entzieht. Und zweitens, eine temporale Bewegung zu initiieren, die es anderen möglich macht sich auf dieses performative Gründungsmoment zu beziehen, dem ohne das Ereignis eines „kleinen Workshops zur großen Begründung der Critical Time Studies“ (so der Proklamationstext) keinerlei Möglichkeit gegeben wäre.

Programm (Vollversion)

Programm des Workshops:

Beginn: 14.00 Uhr. Dauer: 180min in 2 Blöcken mit einer 30minütigen Pause

1. Zeitverkettung – 80min

35 min Einführungs-Input Anna Newspeak:

a.) Ein „Anfang“ und ein Chronoklasmus (=Zeitenbruch) für die Critical Time Studies. Die ungerade Neuschöpfung des Tempismus als strukturelle Kategorie der Gewalt, exemplifiziert anhand des intertextuell-künstlerischen Werkes „Chronoclast – Selected Essays on Time-Reckoning and Auto-Cannibalism“ der Gruppe Buried Inside.

b.) Weder v.Chr./n.Chr. noch v.u.Z./n.u.Z.: Die Errungenschaft einer antitempistischen Zeitwissenschaft? Praktische Fußnote zur Dekonstruktion der christlichen Zeitrechnung.

25 min Erweiterungs-Input Julian Möhring:

Nicht Zeitkritik, sondern „Fetischcharakter des Zeitbegriffes“ – Norbert Elias kritische Perspektive auf die Herrschaft eines falschen Zeitverständnisses in Wissenschaft und Gesellschaft.

20 min Diskussion

30 min Pause

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2. Zeitverkettung 100min

Julian Möhring und Anna Newspeak:

40min: Temporale Schlachtfelder der Zeitsektion(en): Querschnitt theoretischer Positionen, Differenzen der Zeitherrschaft, offene Fragen und Möglichkeit der Zeitkritik

Hierfür stellen wir eine interaktive Powerpoint Präsentation vor, die Bezüge zu einschlägigen und aktuellen Theorien der Zeit anhand von Zitaten herstellt – die jeweiligen Positionen  können direkt diskutiert werden.

40min Zeitanalytische Differenzen, Querschnitt II: Quellen zum Zeitverständnis: Ethnologische Berichte, künstlerische Ausgestaltung in Musik und Literatur, historische Quellen

Hierfür stellen wir eine interaktive Powerpoint Präsentation vor, die jeweiligen Positionen  können direkt diskutiert werden.

20min Abschlussdiskussion: Stunde Null: Kann es die Critical Time Studies und einen Begriff von Tempismus, Timeismus oder Tempozentrismus geben?

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Termin: 16.12.2014 n.h.c.Z., 14.00 – 18.00 Uhr

Ort: Frankfurt a. M., Campus IG Farben

Raum 5G018, PEG Gebäude

Kontakt: criticaltimestudies [ä t t] gmx.de

Konzept des Workshops

Critical Time Studies oder: Was ist Zeitherrschaft?

Ein Gespenst geht um in den Wissenschaften – das Gespenst der Critical Time Studies. Scheinbar noch nicht zum Stande einer wie auch immer gearteten Institutionalisierung gekommen, spukt dieses neue gesellschaftswissenschaftliche Feld seit einigen Jahren unter den diskursiven Decken der Universität. Trotz einer Vielzahl von Zeitdiagnosen und Zeitkritik konnte sich bislang, quasi an der Wurzel, kein kritischer Begriff durchsetzen, der die über Zeitverhältnisse ausgeübte Herrschaft gesellschaftlicher Gruppen überzeugend zusammenfasst. Dabei beruht die Form der Regulierung individueller Zeit auf gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, Prozessen und Konstruktionen, die in ihrer Tiefe, Kontingenz und Brutalität nur teilweise durch das Alltagswissen erfasst werden, jedoch oft und größtenteils einen metaphysischen Status inne haben. Der alljährliche Kalender mit den imperialen Flaggenposten seiner Feiertage, die religiös auferlegte Siebentage-Woche, die Handelszeiten des auf Selbstzwang aufgebauten Arbeitstages sowie die Mittlere Greenwich-Zeit erscheinen überhaupt erst als geschichtliche Sedimentationen von zeitlichen Imperialismen im Horizont der Critical Time Studies und erfahren hierdurch ihre Dekonstruktion. Andererseits fungiert Zeit als symbolisches System auch selbst als Geld und Kapitalform, organisiert strukturelle Investitionsstrategien und gebietet, vermehrt und vermindert zu werden.

Zeit ist also Gegenstand sozioökonomischer Kontroversen und Kontraversionen. Dass es sich bei zunehmenden Ideen, den Umgang mit der Zeit auf den Begriff zu bringen, nicht etwa um ein modisches Vorhaben handelt, verrät die Masse an neueren wie älteren Texten aus wissenschaftlich-akademischen und künstlerisch-außeruniversitären Zusammenhängen. Trotzdem sollte ein eigenes Feld für eine gesellschaftskritische Zeitwissenschaft in Form der Critical Time Studies stärker vorangetrieben werden als bisher, indem vor dem Hintergrund dieses Feldes Autor*innen wie Elias, Rosa, Assmann, Postone, Michalitsch, Derrida, Benjamin, Haug und andere diskutiert werden.

Leitend für unseren Workshop wird deshalb der Versuch sein, einen Anstoß zur Kritik der Zeitherrschaft zu geben, der als Feld der Critical Time Studies, als Zeitherrschaft(en), als „Tempismus“, „Timeismus“ oder „Tempozentrismus“ auf den Begriff gebracht zu werden verdient. Zeitkritische wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie Beispiele gesellschaftlicher Zeitregime geben genügend Anlass zu solcherlei Diskussionen und Differenzierungen um die Verbindungen von Zeit und Herrschaft.

Die kritische Auseinandersetzung mit impliziten und expliziten Vorstellungen von gesellschaftlicher Zeit, von konkreter und abstrakter Zeit sowie die Vergeschlechtlichung von Zeit wird im Hinblick auf eine Auswahl aus Zitaten geleistet, die wir im Workshop diskutieren möchten.

Programm für den 16.12.2014 n.h.c.Z. (Kurzversion)

1. Zeitverkettung

14:00 Vortrag 1

Begrüßung

Ein „Anfang“ und ein Chronoklasmus (Zeitenbruch) für die Critical Time Studies. Die ungerade Neuschöpfung des Tempismus als strukturelle Kategorie der Gewalt

14:35 Vortrag 2

Nicht Zeitkritik, sondern „Fetischcharakter des Zeitbegriffes“

15:00 Diskussion

15:20-16:00 Pause

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2. Zeitverkettung

16:00 Interaktive Präsentation 1

Theoretische Positionen, Differenzen der Zeitherrschaft und Möglichkeit der Zeitkritik

16:50 Interaktive Präsentation 2

Quellenmaterial: Ethnologische und historische Berichte, künstlerische Werke

17:40-18:00 Abschlussdiskussion:

Stunde Null: Kann es die Critical Time Studies und einen Begriff von Tempismus geben?

Critical Time Studies oder: Was ist Zeitherrschaft?

Ankündigungstext:

Critical Time Studies oder: Was ist Zeitherrschaft?

Ein Gespenst geht um in den Wissenschaften – das Gespenst der Critical Time Studies. Scheinbar noch nicht zum Stande einer wie auch immer gearteten Institutionalisierung gekommen, spukt dieses neue gesellschaftswissenschaftliche Feld seit einigen Jahren unter den diskursiven Decken der Universität. Egal, ob als unbeachtete Sektion „Zeit“ in den Intersektionalitätsdebatten, als Zeitkapital in wirtschaftswissenschaftlichen Diskussionen, als soziale (Zeitab-)Spaltung in queer-/feministischen Re-/Produktionsdiskursen, als Kategorie struktureller Gewalten, als Zeitbudget-Studien oder als fortschrittsgebende Beschleunigung – die soziale Konstruktion, Wirkung und Konstitution von Zeit kennt kein Jenseits.

Der Workshop will den kleinen Versuch wagen, Interessierte aller Disziplinen zu versammeln und der Frage nach dem Verhältnis von Zeit zu Herrschaft endlich zur weiteren Diskussion zu verhelfen. Das vorwiegende Interesse gilt möglichen Begriffen, die diesen Zusammenhang als kritischen Begriff zusammenfassen können – „Tempismus“, „Timeismus“ und „Tempozentrismus“ sind erste Ideen, die zwar allesamt zeitliche Herrschaftsformen bezeichnen, aber bislang weitestgehend ohne inhaltliche Füllung und deshalb ohne Wirkung geblieben sind. Auch soll die Diskussion über die Möglichkeit und eines Forschungsfeldes der „Critical Time Studies“ und dessen Limitierungen angestoßen werden. Zwei einführende Kurzvorträge und vor allem die im Anschluss diskutierten theoretischen Positionen und Quellen zur Zeitkritik werden den Interessierten einen guten Einblick in die Thematik geben und ausgiebig Zeit zur Diskussion zur Verfügung stellen.

Termin: 16.12.2014 n.h.c.Z., 14.00 – 18.00 Uhr

Ort: Frankfurt a. M., Campus IG Farben

Raum 5G018, PEG Gebäude

Kontakt: criticaltimestudies [ä t t] gmx.de

A Chronoclast in Science